»Neue Heimat« möchte alle Parkplätze oberirdisch anlegen, obwohl sie zum Bau einer Tiefgarage verpflichtet ist – Bauausschuss lehnt das ab

»Wenn wir eine Befreiung erteilen, schaffen wir einen Präzedenzfall«

Traunreut – Nach dem Willen des Bauausschusses des Traunreuter Stadtrats soll auch zugunsten von dringend notwendigen Wohnungen an der städtischen Stellplatzordnung nicht gerüttelt werden. Deshalb wurde der Antrag des Gemeinnützigen Wohnungsunternehmens »Neue Heimat«, anstatt einer laut Stellplatzsatzung geforderten Tiefgarage, alle Stellplätze für die derzeit im Bau befindliche Wohnanlage an der Adalbert-Stifter-Straße oberirdisch anzulegen, einstimmig abgelehnt. »Wenn wir von unserer Stellplatzordnung abweichen und eine Befreiung erteilen, schaffen wir einen Präzedenzfall«, warnte Bürgermeister Klaus Ritter.

Traunreut
Trotz technischer Probleme beim Bau einer Tiefgarage fordert der Bauausschuss für die im Bau befindliche Wohnanlage mit 18 Wohnungen unterirdische Stellplätze. Der Bauherr, die »Neue Heimat«, beantragte eine Abweichung von der Stellplatzsatzung und möchte anstatt einer Tiefgarage alle Stellplätze auf der Westseite (rechts neben dem Rohbau) oberirdisch anlegen. (Foto: Rasch)

21 Stellplätze müssten in die Tiefgarage

Laut der städtischen Stellplatzordnung müssen ab zehn Wohneinheiten 50 Prozent der Stellplätze in einer Tiefgarage nachgewiesen werden. Im Falle der neuen Wohnanlage mit 18 Wohnungen sind also insgesamt 30 Stellplätze vorzuhalten – wobei laut Planung 21 in einer Tiefgarage und neun oberirdisch zu errichten sind. Nach dem nun festgestellt wurde, dass sich exakt im Bereich der Tiefgarage ein sogenanntes Toteisloch (nicht tragfähiger Boden) befindet, wäre nach Angaben des Bauherrn der Bau einer Tiefgarage nur mit einem erheblichen Aufwand beziehungsweise so gut wie nicht durchführbar. Die Risiken für die Nachbargebäude sowie für die ausführenden Firmen und Mitarbeiter seien nicht abschätzbar, heißt es in einem entsprechenden Gutachten.

Um den Boden aufzufüllen beziehungsweise zu verdichten, müssten Bohrpfähle in eine Tiefe von mindestens zwölf Metern gesetzt werden, wobei die genaue Länge laut einem Gutachten noch nicht absehbar ist. Wie der Bauherr weiter mitteilt, könnte nach Angaben einer Inzeller Tiefbaufirma eine exakte Kostenberechnung erst nach der Erstellung einer statischen Berechnung erfolgen. Zudem habe die Tiefbaufirma darauf hingewiesen, dass sie Bohrpfahlgründungen nur bis zu einer Tiefe von 18 Metern durchführen könnte. Für tiefere Pfähle müsste eine Spezialfirma beauftragt werden. Die Pfähle der Firma aus Inzell, sollten sie denn ausreichen, würden rund 200 000 Euro kosten. Mehrkosten für eventuelle tiefere Bohrungen seien noch nicht abschätzbar, hieß es in der Antragsbegründung.

»Wer geht das Risiko ein, dass ein Haus einbricht?«

Wie der Geschäftsführer der Neuen Heimat, Gerhard Hofer, am Rande der Sitzung dem Traunsteiner Tagblatt erklärte, habe sich der Bauherr auch mit seiner Versicherung in Verbindung gesetzt, die eine Versicherung als sehr riskant einstuft. Nach Aussagen der Versicherung könne das Risiko einer Beschädigung der Nachbargebäude sowie eventueller Personenschäden nur mit einer vorhergehenden Risikobeurteilung von einem Architekten oder Statiker versichert werden. Ob ein Architekt oder Statiker bereit sei, die Risiken zu beurteilen, sei jedoch fraglich. Eine negative beziehungsweise keine Risikoabschätzung würde bedeuten, dass die Bohrungen nicht versichert werden könnten beziehungsweise nur mit erheblichen Kosten mit bis zu 50 Prozent des Verkehrswerts des Gebäudes. »Für uns als Genossenschaft wäre das der Wahnsinn«, sagte Hofer. »Wer geht schon das Risiko ein, dass ein Haus einbricht oder ein Bagger einsinkt?«

Toteislöcher sind in Traunreut nichts Neues

Massive Kritik übte der Geschäftsführer an den Aussagen von Stadtbaumeister Thomas Gätzschmann. Dieser hatte erklärt, dass sogenannte Toteislöcher in Traunreut nichts Neues seien. Seit dem Bau des k1 oder der Kinderkrippe wisse man, dass die Bodenverhältnisse in Traunreut nicht die besten seien. Nach seinen Erfahrungen gäbe es durchaus technische Alternativen, die sich bei 40 000 bis 50 000 Euro bewegen würden. »Wenn dem so wäre, dann soll mir Herr Gätzschmann erklären, wie ich das Risiko mit 50 000 Euro lösen kann«, wetterte Hofer.

Sollte der Stadtrat in seiner Sitzung am kommenden Donnerstag die Empfehlung des Bauausschusses mittragen, von einer Abweichung der Stellplatzordnung abzusehen, werde er vor Gericht ziehen, kündigte Gerhard Hofer an. Er wies auch darauf hin, dass die Neue Heimat als Genossenschaft ausschließlich Wohnungen für eine sozial verträgliche Vermietung errichte und eine Gewinnmaximierung nicht das Unternehmensziel sei. Aus diesen Gründen sei eine 100-prozentige Kostensteigerung mit einem nicht abschätzbaren Risiko für die Wohnungsbaugesellschaft nicht tragbar.

Stellplatzordnung soll eingehalten werden

Wie dem Tenor des Gremiums zu entnehmen war, soll an der Stellplatzordnung festgehalten werden. »Ich sehe oberirdische Parkplätze als sehr kritisch. Das wäre der Wahnsinn«, sagte Andrea Haslwanter (CSU). An der Stifter-Straße herrsche schon jetzt ein absolutes Verkehrschaos. Deshalb sollten wir schon auf eine Tiefgarage drängen, forderte Haslwanter. Auch Gretl Gieneiger (Grüne) warnte davor, von der Stellplatzordnung abzuweichen. Sie regte an, die Wohnungsbaugesellschaft sollte sich Rat bei der Stadtverwaltung holen, die mit weichen Böden bereits Erfahrung gemacht habe. »Wenn wir von der Stellplatzordnung abweichen, wird das Auto-Meer noch größer.«

Herbert Kusstatscher (SPD) äußerte sich verwundert darüber, warum die Tiefgarage erst jetzt gebaut werden soll, wo doch der Rohbau der Wohnanlage so gut wie steht. Wie mehrfach berichtet, musste der Bau der Tiefgarage wegen einer Umverlegung des Kanals nach hinten verschoben werden. ga