Geld und Schmuck einer 98-Jährigen unterschlagen – Sieben Monate Freiheitsstrafe mit Bewährung

Vertrauter unterschlägt Geld und Schmuck einer 98-Jährigen – nur zum »aufbewahren«

Seeon-Seebruck – Eine inzwischen 98-jährige Frau wurde nach einem Kurzzeitpflegeaufenthalt im Herbst 2016 Opfer einer Unterschlagung mit einem Schaden von mehreren Tausend Euro durch einen 58-Jährigen aus Seeon-Seebruck. Das Amtsgericht Traunstein mit Richter Christopher Stehberger verurteilte den zunächst schweigenden, letztlich aber geständigen Angeklagten am Mittwoch zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe mit dreijähriger Bewährungszeit und einer Geldauflage an die Staatskasse in Höhe von 2000 Euro.

Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa-Archiv

Gemäß Anklage von Staatsanwältin Mona Peiß waren der Angeklagte und seine 53-jährige Ehefrau seit Sommer 2012 Vorsorgebevollmächtigte der alten Dame. Das Paar hatte einen Hausschlüssel, kümmerte sich um die Seniorin, erledigte Einkaufsfahrten und kleine Reparaturen. Probleme gab es dabei nie, wie die 98-Jährige im Zeugenstand meinte. Nach Unfall, OP und anschließendem Krankenhaus- und Rehaaufenthalt musste die Frau im Spätsommer zehn Wochen in Kurzzeitpflege.

In ihrer Abwesenheit nahm der Angeklagte acht Umschläge mit jeweils 1000 Euro an sich, dazu eine Uhr, Gold- und Silberschmuck sowie einen Ozelot-Pelzmantel. Die Seniorin widerrief die Vorsorgevollmacht Mitte Dezember 2016 nach ihrer Rückkehr und ließ das entsprechende Schreiben durch ihre neue Bevollmächtigte, eine andere Nachbarin, übergeben. Auf deren Frage nach dem Verbleib der Wertgegenstände wies der Angeklagte zurück, die Dinge zu haben. Bei einer polizeilichen Durchsuchung im März 2017 wurde jedoch alles in seinem Haus gefunden – teils sehr gut versteckt.

Weder der Angeklagte noch seine Ehefrau äußerten sich zu den Vorwürfen, beriefen sich vielmehr auf ihr Schweigerecht. Die im Rollstuhl sitzende 98-Jährige, begleitet von ihrem Anwalt Stefan Conrads aus Traunstein, erinnerte sich an die Geschehnisse. Sie hatte ihre Wertsachen raffiniert versteckt. Der Ozelot war ein Geschenk ihres verstorbenen Mannes. Kurz vor der Entlassung aus der Klinik teilte der 58-Jährige der alten Frau mit, er mache Urlaub, werde ihre Wohnung abschließen und ihre Wertgegenstände sicher verwahren. Bei der Rückkehr entdeckte die 98-Jährige das Fehlen ihrer Wertsachen, widerrief die Vorsorgevollmacht für das Ehepaar und suchte sich eine andere Nachbarin (51), die sie ab dann betreute.

Als die neue Bevollmächtigte den 58-Jährigen darüber informierte und um Herausgabe der »verwahrten« Wertsachen bat, wies der Angeklagte zurück, etwas zu haben.

Die 51-Jährige schilderte, sie habe im Dezember 2016 auf Wunsch der 98-Jährigen in den Verstecken nachgesehen, »was noch da ist«. Alles war verschwunden. Dazu die Zeugin: »Ich dachte, die Frau trifft der Schlag.« Auf Nachfrage habe der Angeklagte gesagt: »Ach, die Alte. Die hatte ja nichts.« Eine Beamtin der Polizeiinspektion Trostberg bezeichnete die 98-Jährige als bei der Strafanzeige »sehr strukturiert«. Der 58-Jährige habe in einer Vernehmung erklärt, er habe die Sachen nur verwahrt – »bis die Frau stirbt«. Bestehlen habe er sie nicht wollen.

Bei diesem Verfahrensstand legte Richter Christopher Stehberger dem bis dahin schweigenden Angeklagten angesichts von »Zweifeln des Gerichts an seiner Redlichkeit« dringend ein Geständnis ans Herz: »Es wäre ein guter Zeitpunkt, reinen Tisch zu machen. Wenn Sie sich einmal im Leben – ihr Strafregister ist blütenweiß – falsch verhalten haben, wäre jetzt die Zeit, gesichtswahrend aus der Sache rauszugehen.«

Nach einer Beratungspause gab Verteidiger Dr. Andreas Kastenbauer aus Traunstein namens seines Mandanten ein Geständnis ab. Der 58-Jährige wolle sich bei der Geschädigten, die noch im Gerichtssaal weilte, entschuldigen: »Er war verärgert über den Widerruf der Vollmacht und hat deshalb die Sachen an sich genommen. Er entschuldigt sich bei Ihnen in aller Form.« »Jeder Mensch macht Fehler«, merkte die 98-Jährige an.

Der Sachverhalt der Anklage habe sich voll bestätigt, stellte Staatsanwältin Mona Peiß im Plädoyer auf eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 40 Euro, also insgesamt 3600 Euro, wegen Unterschlagung fest. Der Schuldspruch gehe in Ordnung. Doch sei eine Geldstrafe von unter 90 Tagessätzen à 30 Euro ausreichend, beantragte Verteidiger Dr. Andreas Kastenbauer.

»Keine Frage, Sie waren gut beraten. Alles andere als ein Geständnis hätte eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr zur Folge gehabt«, führte Richter Christopher Stehberger im Urteil aus. Durch das Geständnis und die Entschuldigung sei der Rechtsfrieden wieder hergestellt. Die 98-Jährige habe ihre Wertsachen weitgehend zurückbekommen. Angesichts der 8000 Euro in bar und dem Wert der anderen Dinge müsse eine Freiheitsstrafe sein, auch wenn der Angeklagte ein anständiger Kerl sei – der »einmal eine falsche Entscheidung getroffen habe«. kd