Anna Prohaska und »Il Giardino Armonico« eröffnen das »Festivo«-Festival

Ein Musizieren an der Stuhlkante

Es ist kein Geheimnis, dass die Region zwischen München und Salzburg ein Herz der Klassik-Welt ist. Die Quantität und Qualität der Festivals und Konzertreihen ist einzigartig. Beim Kammermusikfestival »Festivo« in Aschau ist man besonders umtriebig. Seit 26 Jahren wird hier mit unerschrockenem Pioniergeist die Musikkultur beharrlich weiterentwickelt. Wie zeitgemäß die Chiemgauer Kammerreihe aufgestellt ist, das offenbarte auch die diesjährige Eröffnung in der Festhalle Hohenaschau. Anna Prohaska, eine der führenden Sopranistinnen der jüngeren Generation, präsentierte das Programm »Serpent & Fire«.

Erfrischend und befreit: Anna Prohaska und »Il Giardino Armonico«.

Dafür reiste sie mit »Il Giardino Armonico« und dessen Leiter Giovanni Antonini an. Schon vor vier Jahren gastierten das Weltklasseensemble und der Originalklang-Guru aus Italien bei »Festivo«. Auch jetzt wieder wurde ein überragendes, bleibendes Feuerwerk geboten. Die Energie und durchdringende Gestaltungskraft nahmen unmittelbar gefangen: ein Musizieren an der Stuhlkante.

»Serpent & Fire« ist ein Programm, das Opernarien aus dem Barock vereint, wobei zwei Frauen im Zentrum stehen: Dido und Kleopatra. Allseits bekannt ist die Opernvertonung »Dido and Aeneas« von Henry Purcell, aber: Bei »Festivo« erklangen auch »Dido«-Raritäten von Christoph Graupner, Francesco Cavalli und Johann Adolf Hasse. Dieses Konzept wurde ebenso bei Kleopatra verfolgt. Hier erklang nicht nur die Meisteroper »Giulio Cesare in Egito« von Georg Friedrich Händel. Auch Arien von Daniele Castrovillari, Antonio Sartorio und Hasse waren vertreten.

Wie Prohaska in Dynamik und Ausdruck sich zu wandeln vermochte, in Sekundenschnelle, das kann nur eine echte »Sänger-Darstellerin«. Mit stupender Technik nahm sie halsbrecherische Koloraturen, ohne sie allzu scharf klingen zu lassen. Noch dazu wurde hörbar, wie sehr Prohaska in ihrem historisch informierten Gesang die Artikulation und Phrasierung reflektiert.

Mit Antonini hatte sie bei »Festivo« einen führenden Exegeten an ihrer Seite. Besonders heikel ist der Einsatz des Vibratos. Wo es leidet und klagt, etwa in Purcells Sterbe-Passacaglia »When I am laid« der Dido, singt Prohaska ganz ohne Vibrato: absolut schnörkellos und jenseitig luzid. In anderen Kontexten verziert sie reich. Mit diesem Profil haben die Musiker auch Händels »Concerto grosso« op. 6 Nr. 8 verlebendigt.

Das sprudelte erfrischend und befreit: So kann und muss Barockmusik klingen. Klassik ist eben kein akustisches Museum, sondern eine lebendige Kunst. Wer die »Festivo«-Eröffnung verpasst hat, kann am Donnerstag nach London fliegen. Dort gastieren Prohaska und Antoninis Truppe mit demselben Programm bei den legendären »Proms«. Manchmal ist das kleine Aschau eben schneller als das große London. Marco Frei