Traunsteiner Musiklehrer Klaus Stern führt »Carmina Burana« vor über 2000 Besuchern im Salzburger Festspielhaus auf

Ein Abschiedskonzert in besonderen Dimensionen

Ein wahrhaft außergewöhnliches Erlebnis bescherte der Musiklehrer am Traunsteiner Chiemgau-Gymnasium (CHG), Studiendirektor Klaus Stern, gleichermaßen den Mitwirkenden auf der Bühne, als auch dem Publikum im Salzburger Festspielhaus.

Applaus für Klaus Stern (Mitte) und die Sängersolisten Marion E. Bücher-Herbst (von links), Joaquín Asiáin und Fernando Araujo. (Foto: Janoschka)

»Mit Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke!« schrieb Carl Orff an seinen Verleger. Mit Carmina Burana verabschiedete sich Stern von seiner beruflichen Laufbahn. Mit einem Schulkonzert? Aber mit was für einem! Über 200 Sänger aus den verschiedenen Schulchören, die er an seinen verschiedenen Wirkungsstätten geleitet hat, führten im ausverkauften Festspielhaus Salzburg gemeinsam mit den Bad Reichenhaller Philharmonikern vor mehr als 2000 Zuhörern die »Carmina Burana« von Carl Orff (1895 bis 1982) auf.

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»O Fortuna, darf ich Ihnen zurufen,« zeigte sich OStD Klaus Kiesl, Direktor am Chiemgau-Gymnasium, bei seiner Begrüßung begeistert von dem bevorstehenden, einzigartigen Konzert seiner Schule und meinte damit nicht »das Schicksalsrad«, sondern »das Glück, dass unser Musiklehrer nicht sang- und klanglos von seiner beruflichen Bühne abtritt, sondern eine große Idee geboren und akribisch genau umgesetzt hat.« Kiesl würdigte den Einsatz der vielen Chorsängerinnen und -sänger aus Traunstein, Deggendorf und Madrid sowie aller anderen Mitwirkenden – der Gesangssolisten, des Orchesters, der Schauspieler – und dankte allen, die mit ihrer finanziellen, ideellen und tatkräftigen Unterstützung dazu beigetragen haben, dass dieses Projekt gestemmt werden konnte. Dazu gehören der Freundeskreis des CHG ebenso wie die Sponsoren, die im Programmheft abgedruckt sind.

Mit Fotos zu den Porträts der Solisten, der Philharmoniker und der Schauspielgruppe sowie zum Werk der Carmina Burana hatte das Projekt-Seminar Kunst am CHG eine ansprechende Handreichung entworfen. Auch die Plakatentwürfe stammten von diesem Seminar.

Mit großer Disziplin und Bühnenpräsenz beim Auf- und Abgang sowie vor allem auch bei der Gestaltung des Gesangs spiegelte der ganz in schwarz gekleidete Chor die hervorragende Vorbereitung durch ihren Chorleiter wider, der »am Pult der größten Dirigenten der Welt« für sein »Mammutkonzert« (OStD K. Kiesl im Programmheft) Beifallsstürme erhielt, wie man sie selten erlebt, wie der Bühnenmeister nach dem Konzert bestätigte. Genau 2179 Besucher zollten der Leistung aller Mitwirkenden, die Klaus Stern unter seiner Gesamtleitung zusammengeführt hat, die verdiente Anerkennung. »Das war unsere Glanzleistung,« sagte Stern im persönlichen Gespräch, »besser hätte es nicht werden können.« Der Unterstufenchor kam ganz in weiß zum dritten Teil auf die Bühne und beeindruckte u.a. mit »Amor volat undique« (»Amor fliegt allüberall«).

Die je nach musikalisch-inhaltlicher Aussage unterschiedlichen Interpretationsarten für die einzelnen Kantatenteile – bezüglich der Abstufungen in der Dynamik, des Legato oder des, von Orff oft eingesetzten Staccato, aber auch der überzeugten rhythmischen Darbietung bei den Teilen mit einem Wechsel zwischen Vierer- und Dreiertakt (z. B. »Floret silva«) – gestalteten die Chöre authentisch wie aus einem Guss. Man hörte, dass es jedem einzelnen Mitwirkenden am Herzen lag, gute Musik zu machen.

Die Carmina Burana war inhaltlich, sprachlich und musikalisch für diesen großen Abschied bestens geeignet. Inhaltlich durch das Auf und Ab des menschlichen Schicksals eingerahmt – was im Anfangs- und Schlusschor (»O Fortuna«) imposant zum Ausdruck kam –, wurden die menschlich relevanten Themen der Liebe und Diesseitsbezogenheit, aber auch der Tugendhaftigkeit und der Vergänglichkeit in den drei Teilen »Primo Vere, Ûf dem Anger« (Erwachen des Frühlings), »In Taberna« (opulentes Gelage in einer Schenke), »Cours d’amour und Blanziflor et Helena« dargestellt. In den Sprachen mittellateinisch, mittelhochdeutsch und altfranzösisch wurde ein Lebensgefühl ausgedrückt, das in krassem Gegensatz zu der sonst fest gefügten mittelalterlichen Welt steht.

Dieser Gegensatz wurde höchst amüsant von der Schauspieltruppe vor den jeweiligen Kantatenteilen thematisiert und trotz historischer Gewänder des Mönches (Profi-Schauspieler Norbert Ortner), des Harlekins (Antonia Brunnhuber) und des edlen Fräuleins (Josephine Pfeilstätter) – beides Schülerinnen der 12. Klasse des CHG – nach den Texten und unter der Regie von Richy Steiger mit der effektvollen Lichtinspizienz von Jürgen Hager gekonnt und höchst unterhaltsam in die heutige Zeit geholt. Denn sie ließen keine Möglichkeit für ein Wortspiel aus und fungierten als komödiantenhafte »Dolmetscher« zwischen den historischen Sprachen, sowie hochdeutsch und bairisch. Da tauchten schon mal Worte wie »Kuttenbrunzer« und »grimmigs Gfries« auf. So wurde die Verbindung nicht nur zwischen der Antike und dem Mittelalter, sondern auch zusätzlich zur Jetzt-Zeit hergestellt, was natürlich nicht nur den einen, sondern eine Menge Funken auf das Publikum überspringen ließ.

Etwas Szenisches gab es auch von Tenor Joaquín Asiáin bei »Olim lacus colueram« (»Einst schwamm ich auf den Seen umher«), das er in der Rolle eines gebratenen Schwans – zunächst schlapp an einer Leiter hängend – sang. Seine Stimmlage nennt sich »Tenore di Grazia«, ein sehr hoher Tenor, der diese Rolle bereits 1994 bei Aufführungen der Deutschen Schule in Madrid unter der Leitung von Klaus Stern und seither öfter als 200-mal gesungen hat.

Der italo-brasilianische Bariton Fernando Araujo dagegen war kurzfristig für den erkrankten Thomas Schütz eingesprungen und hatte seine Soli in den letzten drei Tagen vor dem Konzert neu einstudiert. Auch er brachte komödiantische Bewegung auf die Bühne, als er bei »Ego sum abbas Cucaniensis« (»Ich bin der Abt von Cucanien«) auf dem Tisch in der Schenke stehend sang und sich als Abt der Saufbrüder und Würfelspieler vorstellte.

Ein vielseitiges künstlerisches Schaffen weist auch die bekannte Sopranistin Marion E. Bücher-Herbst auf, die von Klaus Stern am Robert-Koch-Gymnasium in Deggendorf »entdeckt« worden war. Die hohen Lagen bei den teilweise exponierten Passagen klangen ebenso wie ihre Koloraturen bewundernswert mühelos und wunderschön.

War der Applaus schon während des Konzerts immer wieder aufgebraust, so gab es am Schluss kein Halten mehr. Seinen Blumenstrauß übergab Stern der Konzertmeisterin als Dank und Anerkennung dafür, dass die Bad Reichenhaller Philharmoniker das Projekt mit Freude und Begeisterung unterstützt haben. Diese reichte ihn an den Kollegen weiter, der nach diesem Konzert seinen Ruhestand antrat. Brigitte Janoschka