DOSB in der Kritik: DTTB heizt Förderdebatte an

Frankfurt/Main (dpa) - Die Kontroverse um das Fördersystem im deutschen Sport nimmt an Hitzigkeit zu. Olympiasieger wie Robert Harting und der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) kritisierten mangelnde Transparenz und die bisherigen Kriterien der Geldverteilung an die Verbände.

DTTB-Präsident
Thomas Weikert kritisiert die Verteilung der Fördergelder. Foto: Friso Gentsch Foto: dpa

Alarm schlug das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig (IAT) - und das nur Stunden vor der Sportausschusssitzung des Bundestages zur Bewertung der Olympischen Spiele in London. Bei den Winterspielen 2014 in Sotschi drohe dem deutschen Team ein Abrutschen im Medaillenspiegel.

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»Wir bezweifeln, dass die aktuellen und aus Steuergeldern bestehenden Investitionen in den Leistungssport optimal den gesellschaftspolitischen Zielen des Landes dienen«, heißt es in einem von DTTB-Präsident Thomas Weikert und Ehrenpräsident Hans Wilhelm Gäb verfassten und am Dienstag veröffentlichten Schreiben an führende Sportpolitiker. »Die Bedeutung des Breitensports als der Basis für den Leistungssport wird nicht berücksichtigt, und die Verteilung der Fördergelder folgt unklaren Prinzipien.«

Auch Diskus-Olympiasieger Robert Harting meldete sich erneut zu Wort und attackierte den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) heftig. »Die wissen da oben nicht, was die Bedürfnisse hier unten sind«, schimpfte der Berliner, der zur Kür des »Champions des Jahres« auf Kreta weilt, und setzte die Spitzensportförderung in Relation zu den Kosten für das Berliner Schloss. »Es sind ja 200 Millionen. Wenn man überlegt, das Berliner Stadtschloss kostet 550 Millionen. Wir haben ja nicht einmal ein halbes Haus zur Verfügung für den ganzen deutschen Spitzensport«, sagte Harting. »Ihr müsst Euch vorstellen, ihr geht vom Wohnzimmer in die Küche und sie ist nicht mehr da.«

Beachvolleyball-Olympiasieger Jonas Reckermann forderte ein komplettes Umdenken. »Diese Gelder müssen sinnvoll eingesetzt werden, alles muss auf den Prüfstand«, sagte er. Michael Ilgner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Sporthilfe, machte sich ebenfalls für eine Reform stark: »Man muss den Mut haben, alte Strukturen aufzubrechen. Der Erfolg in Deutschland wird sozialisiert, da dürfen alle dran teilhaben, doch das Risiko dafür wird individualisiert.«

Der DOSB hatte in der vergangenen Woche verkündet, am bisherigen Steuerungsmodell im Leistungssport und dem Prinzip der Zielvereinbarungen mit den Verbänden festhalten zu wollen. Unterstützung erhielt der DOSB dafür vom Deutschen Kanu-Verband (DKV). Der Prozess der Zielvereinbarung habe überwiegend positive Auswirkungen in der Steuerung des Spitzensports, teilte der DKV am Dienstag mit. Allerdings mahnten die Kanuten, dass die Ziele der Verbände auf ihre realistische Umsetzbarkeit hin überprüft werden und Abweichungen zu Korrekturen führen müssten. »Es liegt im Wesen des Spitzensports, sich hohe Ziele und möglichst Medaillen und Siege als Sportler vorzunehmen«, sagte DKV-Präsident Thomas Konietzko.

Der DTTB übte dagegen fundamentale Kritik an der einseitigen Ausrichtung der Sportförderung und der Missachtung der Wichtigkeit des Breitensports. »Derzeit gibt es eine unverhältnismäßig überhöhte Förderung von Sportarten, hinter denen keine Breitensportbewegung steht und deren gesellschaftspolitischer Nutzen daher naturgemäß begrenzt«, sagte Verbandschef Weikert. Immer noch würden medaillenträchtige Minoritäten-Sportarten überproportional zulasten der Verbände mit starker Breitensport-Struktur gefördert.

»Das Fördersystem der Zukunft sollte von einem schlüssigeren und um mehr Chancengleichheit bemühten Konzept getragen werden«, fordern Weikert und Gäb. »Ein neues System mit nachvollziehbaren Kriterien sollte die Investition von Steuergeldern besser legitimieren, eine Erhöhung der Fördergelder rechtfertigen und den größtmöglichen gesellschaftspolitischen Nutzen für unser Land anstreben.«

Christa Thiel, DOSB-Vizepräsidentin Leistungssport, reagierte »mit großer Verwunderung« auf die Stellungnahme des DTTB. Der Verband habe bei diversen Gelegenheiten seine Vorstellungen nicht eingebracht. Dies sei »schade und es widerspricht einem fairen Verfahren«, so Thiel. Für Rainer Brechtken, Sprecher der Spitzenverbände im DOSB, ist es »unstrittig, dass der Spitzensport eine Auswirkung auf das Engagement im Breitensport hat«. Er könne jedoch nicht dem DTTB-Vorschlag zustimmen, die Förderung an die Zahl der Breitensportler zu koppeln.

Dass es höchste Zeit ist, etwas Neues zu wagen, zeigten die Analysen des IAT. Mit ersten Ergebnissen der London-Spielen, bei denen die deutsche Mannschaft mit 44 Medaillen (11 Gold/19 Silber/14 Bronze) Platz sechs der Medaillenwertung belegte, will das Institut die deutschen Leistungsplaner wachrütteln. Deutschland gehöre nicht mehr zu den führenden Nationen in den Sommersportarten und bei einer Vielzahl der Sportarten sei die Trendwende verpasst worden, stellten die Wissenschaftler fest.

»Schlüsselelement ist und bleibt die Erhöhung der Wirksamkeit des Trainings«, sagte IAT-Direktor Arndt Pfützner der Nachrichtenagentur dpa und räumte diesbezüglich Optimierungsbedarf ein. Auch der einstige Wettbewerbsvorteil der Deutschen durch hochwertige Trainingstechnologien sei mittlerweile fast aufgebraucht. Exakt 500 Tage vor Beginn der Winterspiele 2014 befürchtet Pfützner auch in Sotschi ein Abrutschen des deutschen Teams. »Wenn wir die neuen Sportarten nicht in den Griff bekommen, wird es schwierig eine Spitzenposition zu erreichen«, sagte er.