»Mit Musik ins Holz«: Chiemgauer Kulturtage im Kunstraum Klosterkirche

Die Revolution des Parketts

Die Musikperformerin Limpe Fuchs (Viola und Percussion) und das »Occhio Quartett«, mit ihr bestehend aus Hans Wolf (Piano), Elmar Guantes (Kontrabass) und Zoro Babel (Drums und Synthesizer), gehen bei den Chiemgauer Kulturtagen in der Klosterkirche Traunstein »mit Musik ins Holz«.

Das Holz macht nicht nur Musik, aus ihm bauen die Künstler auch Holzgebäude, die beim großen Finale alle zusammenstürzen. (Foto: Ackermann)

Mittig auf dem Boden im Kunstraum liegt ein vier mal vier Meter großes Holzparkett, gemischt aus verschiedenen Hölzern vor den Instrumenten der Gruppe, es entwickelt sich ein perkussives Klangfeld, in das der Pianist Bruchstücke Bachscher Musik einfließen lässt, auch ein Fugenthema wird hörbar. Nun tauchen drei schwarz gekleidete Gestalten auf, die je zwei der Parketthölzer durch die Luft schwingen. Beim Solo des Bassisten wird in den Pausen deren Luftbewegung hörbar.

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Limpe Fuchs verlässt ihre Instrumente, zu viert lassen die Performer durch Reiben an den Hölzern ein unterschiedlich hohes und tiefes, schneller und langsam werdendes Quietschen hören: das Parkett unterhält sich auf seine Weise, zirpt, stöhnt, jammert.

Ein Trommelsolo von Zoro Babel bringt lebhafte Bewegung ins Körperspiel – und das Parkett antwortet: Klappern in verschiedenen Tonhöhen, je nach Länge der Hölzer, es schnurrt, ächzt, poltert, steigert sich in einen wilden Tanz, das ganze Parkettgeviert gerät aus den Fugen. Nach einer mit Themen von Bonfa und Monk inspirierten Jazzsequenz zeigt das »Occhio Quartett« die ganze Bandbreite seines Erfindungsreichtums, der Flügel wird dabei auch im Innenraum bespielt.

Die Vier auf dem Parkett richten ein Chaos an, stürzen sich hinein, wälzen sich theatralisch »im Holz«. Das gebannt aufmerksame Publikum erlebt existenzielle Bilder und Musik – von der Ordnung zu Zerstörung und Chaos. Eine gewisse Lust scheint auch im Chaos spürbar, langsam entstehen aus dem Wirrwarr unter den Händen der Spieler – es kommt noch der neunjährige Sohn von Zoro Babel spontan dazu – Holzgebäude: Eines nach dem anderen, eine zwei,- dreistöckige bizarre Parkettstadt wächst empor, immer wieder unterbrochen durch Generalpausen, wenn eines der fragilen Gebäude unvermittelt und laut zusammenstürzt.

Hinzukommen die rein und klar klingenden Hölzer auf zwei Xylophonreihen, mit Schlegeln bespielt. Limpe Fuchs lockt mit einem Kuckucksruf den Performer Andreas Eckenberger zu einem zweiten Xylophon. Im Wechsel klingen nun beide Kuckucke. In die sich langsam entfernenden Rufe stimmt noch einmal das ganze Quartett mit ein, bis zum grandiosen Solo des Pianisten Hans Wolf. Er gibt am Schluss das Zeichen zum Zusammenstürzen der Holzgebäude, wie Donner hallt es durch den Kirchenraum – ein aufgeworfener Haufen Holz bleibt zurück, dann noch ein leises Zittern. Nach kurzem Innehalten lauter Beifall, Trampeln und Bravorufe der wenigen, aber tief beeindruckten Zuschauer. Sigrid Ackermann