Angerer der Vielseitige

Walter Angerer d. J. ist im Chiemgau und weit darüber hinaus seit langem als Zeichner und Maler bekannt, in den letzten Jahren auch vermehrt durch seine »Scherenschnitt«-Schattenskulpturen, die man etwa am Chiemsee, auf dem Rauschberg oder im InterContinental Berchtesgaden Resort findet.

Doch relativ wenige Bewunderer des bildschöpferischen Künstlers wissen um den Komponisten Angerer, der vor kurzem als fünfte digitale Dokumentation seiner musikalischen Inspirationen eine CD-Box mit 44 Klavierwerken vorlegte, die zwischen 2001 und 2010 entstanden sind. In Mario Angelov, geboren 1966 in Sofia, Bulgarien, und in seiner Heimat vielfach ausgezeichnet, hatte er endlich den »Pianisten seines Vertrauens« und seiner Wellenlänge gefunden. Produziert wurden die vier Silberscheiben von Sony DADC in Sofia für das Label »Wiesenrand classic, Siegsdorf«.

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Das damit vorliegende Klavierwerk von Angerer dem Jüngeren bietet beim ersten Reinhören Musik, die man nicht gleich einordnen kann, aber schon gar nicht gleich abhaken will – schließlich sind es 44 Stücke, wenn auch größtenteils Miniaturen. Erinnerungen an die Kompositionstechniken von Bach, Strauss, von Impressionisten wie auch der schwer zu fassenden Figuren Strawinsky und Penderecki klingen an. Verständlich also, dass Angerer sehr unbekümmert und freizügig mit überkommenen Formen umgeht und sie mischt, aber: er formt in sich Stimmiges daraus. Er kann zärtlich engagiert, aber auch distanziert betrachtend schildern, gibt Gedanken- und Empfindungsverbindungen freien Lauf. Manchmal gräbt er sich auch akribisch in verzwickte Figuren wie bei seinen Fraßbildern.

Die vier CDs der Box tragen assoziativ-bildhafte Titel: »Auf einer lila Bank« – »Am Mozartsteg« – »Verschneite Grüße« – »Im Nebel«; auch alle 44 Einzelstücke sind betitelt – unrealistisch, sie einzeln besprechen zu wollen. Schließlich soll ja auch für den Rezensenten weiterhin Raum und Zeit für kommende Entdeckungen bleiben!

Erwähnt seien also hier nur einige Titel. In wunderbar nachdenklichen Passagen skizziert Angerer »Gedanken am grünen Teich«, teilt seine Gefühle »Im Atelier« mit, beschreibt im schillernden »Blanca« etwa eine vielgewandte Frau? Bei »Meditation mit dem Tristan Akkord« und »Hommage an die Matthäus-Passion« nimmt er auf seine ganz eigene Weise Kontakt zu Großmeistern auf, feierlich und froh lässt er die »Hymne an das Erntedankfest« erklingen. Mario Angelov gestaltet die Stücke sensibel und mitfühlend, auch auftrumpfend, wo es not tut; die Tonmeister haben mit der Aufnahme eine glasklare, bestens abgestimmte Arbeit abgeliefert.

Die CD-Box ist in der Traunsteiner Buchhhandlung Stifel erhältlich. Engelbert Kaiser